Pilgerweg 12: Klingberg - Lübeck

Am Ziel des Pilgerweges, jenseits der Grenzen Ostholsteins: Jakobus-Darstellung in St. Jacobi, Lübeck. Foto: Grümbel
An der Geroldkirche in Klingberg
schlage ich das "Loccumer Brevier" auf und lese einen Satz von Pierre
Stutz, den ich auf dem letzten Abschnitt des Jakobsweges durch Ostholstein
meditieren will:
"Dem Leben wirklich Tag für Tag begegnen heißt offen sein und bleiben für das Unerwartete für die Verwandlung für die Überraschung".
Wolkentheater über Luschendorf
Auf asphaltierter Straße führt
der Weg von Klingberg nach Schürsdorf. Es gibt eine landschaftlich wunderschöne
Alternative zum ausgeschilderten Jakobsweg - der Europäische Fernwanderweg 1.
Aber die Jakobspilger früherer Zeiten waren sicher nicht in erster Linie an
schönen, sondern an zielführenden Wegen interessiert. Deshalb hat die neue
Markierung des Jakobsweges ihre Berechtigung, ich folge ihr.
Von Schürsdorf führt der Weg
über Luschendorf nach Pansdorf. Am Himmel spielt sich großes Wolkentheater ab.
Die meisten Pilgerwege bin ich bisher mit Gruppen gegangen, oft mit Männern,
aber auch mit gemischten Gruppen, einige Male sogar mit Familien. Das waren je
eigene Erfahrungen und Erlebnisse. Heute bin ich froh, dass ich alleine
unterwegs bin und den Weg schweigend gehen kann.
Jakobsmuschel: Zeichen und Anknüpfungspunkt
Pilger auf dem Jakobsweg
befestigen in der Regel eine Jakobsmuschel an ihrem Rucksack. Ich habe lange
überlegt, ob ich das auch tue. Ist das nicht nur Pilgerfolklore? Ich habe mich
für das Tragen der Muschel entschieden, weil sie mich als Pilger auf dem
Jakobsweg kenntlich macht. Durch das Tragen der Muschel bekenne ich mich zu
einer spirituellen Tradition, ich veranschauliche meine Zugehörigkeit zur
Gemeinschaft der Pilger. Auf dem bisherigen Weg wurde ich gelegentlich auf die
Muschel angesprochen und gefragt, ob ich den Jakobsweg gehe. So ergaben sich
Gespräche.
Ab Pansdorf wird der Weg
ungemütlich, an vielbefahrenen Straßen geht es entlang und durch Wohngebiete.
Wie sich herausstellt, wird sich das bis Lübeck nicht ändern, die einzige
Ausnahme ist in Bad Schwartau der Weg durch die Schwartauer Auenlandschaft -
keine guten Bedingungen für die Meditation eines Textes. Ich bin froh, als ich
in Techau in die Lindenallee abbiegen kann, die nach Ratekau führt. Und dann
stehe ich vor der alten Feldsteinkirche in Ratekau, die im Licht der
Nachmittagssonne erstrahlt. Die 855 Jahre alte Kirche wurde in den
zurückliegenden drei Jahren grundlegend saniert. Ende August feierte die
Kirchengemeinde die Wiedereröffnung.
Finale mit Bach
Die Altstadt von Lübeck betrete
ich durch das Burgtor. Kurze Zeit später erreiche ich St. Jacobi, die alte
Pilger- und Seefahrerkirche. Pilgerglück: in einer Viertelstunde beginnt eine
Orgelvesper. Von einer freundlichen Dame, die die Besucher empfängt, erfahre
ich, dass es in der Kirche zehn Abbildungen des Heiligen Jacobus gibt: Gemälde,
Skulpturen, Reliefs. Und sie weist mich auf einen stilisierten Pilgerstab hin,
der in eine Grabplatte graviert ist, und erklärt, dass Menschen, die auf einem
Pilgerweg waren, ihren Grabstein mit einem solchen Pilgerstab schmücken
durften. Die Zeit bis zum Beginn der Vesper nutze ich, um die
Jakobus-Darstellungen zu entdecken - sechs finde ich. Dann erklingt Musik von
Johann Sebastian Bach - ein schöner Abschluss meiner Wanderungen auf dem
Jakobsweg durch Ostholstein.
Länge des Weges: ca. 20 Kilometer
Gehzeit (ohne Pausen) bei mäßigem Pilgertempo: ca. 5 Stunden
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