Pilgerweg 8: Burg auf Fehmarn – Neukirchen bei Oldenburg i.H.

Die Löhrstorfer Brücke wurde um 1600 erbaut und war Teil eines alten Fernweges von Skandinavien in den Süden. Foto: Grümbel
"Schwer ist zu Gott der
Abstieg. Aber schau: du mühst dich ab mit deinen leeren Krügen, und plötzlich ist doch: Kind sein, Mädchen, Frau - ausreichend, um ihm endlos zu genügen. Er ist das Wasser: bilde du nur rein die Schale aus zwei hingewillten Händen, und kniest du überdies -: ER wird verschwenden und deiner größten Fassung über sein."
Diese Verse von Reiner Maria
Rilke lese ich in der kleinen Seitenkapelle von St. Nikolai in Burg auf
Fehmarn. Sie stehen im "Loccumer Brevier", das mir auf dem Jakobsweg
durch Ostholstein als Andachtsbuch dient. Ich lese den Text gleich ein zweites
Mal. Das ist im Geiste Jesu geschrieben! Das ist eine Grundüberzeugung
christlicher Spiritualität: Gott muss ich mich nicht auf mühsamen Wegen annähern,
er ist da - liebend, bergend, stärkend. Ich zünde eine Kerze an, dann breche
ich auf.
Am Fehmarnsund: "Heute läuft es nicht richtig rund"
30 Minuten nach meinem Start in
Burg erreiche ich den "Burger Binnensee". Der Weg führte aus dem Ort
hinaus und dann auf einer ehemaligen Bahnstrecke, an manchen Stellen sieht man
noch die Gleise, nach Süden. Auf dem Deich weht ein steifer Westwind, der mir
die Tränen in die Augen treibt. Ich schließe den Reißverschluss meines Anoraks.
Hier sehe ich erstmals die Fehmarnsundbrücke. In Wulfen stelle ich dann fest,
dass ich für die vier Kilometer von Burg bis hierher eineinviertel Stunden
gebraucht habe. Heute läuft es nicht richtig rund. Die Beine sind schwer und
zunehmend verschattet sich meine Seele. Über den "Wulfener Berg" (20 Meter
über NN) gelange ich an den Strand am Fehmarnsund. Der Weg führt am Strand
entlang.
LKW-Inferno auf der Brücke
Dann die Fehmarnsundbrücke.
Seit 1999 steht die Brücke unter Denkmalschutz. Zum ersten Mal überquere ich
sie zu Fuß. Der Westwind lässt den Windsack waagerecht stehen. Als ich die
Mitte der Brücke erreicht habe, rund 25 Meter über dem Wasser, bleibe ich
stehen und lasse meinen Blick schweifen: Über Fehmarn scheint die Sonne, über
Großenbrode geht ein Regenschauer nieder. Der Wind scheint noch stärker
geworden zu sein, so kommt es mir jedenfalls vor. Und dann regnet es. Wie
Nadelstiche fühlen sich die Tropfen auf meinem Gesicht und meinen Händen an.
Als ich das Festland erreiche, das Inferno: ein Lastwagen nach dem anderen rast
an mir vorbei. Offenbar ist vor einiger Zeit eine Fähre in Puttgarden
angekommen, nun sind die LKW aus Skandinavien auf dem Weg in den Süden. Zum
Glück zweigt der Weg bald nach Westen ab, sodass ich dem Lärm entkomme.
Selbstverteidigung mit Pilgerstab und Pfefferspray
Plötzlich entdecke ich in einem
Feld, etwa 200 Meter von mir entfernt, ein Tier: ein Fuchs. Regungslos verharrt
er. Vermutlich sitzt er vor einem Mauseloch und wartet auf Beute. Ich fasse
meinen Pilgerstab fester. - Beim Wandern habe ich immer einen Stab dabei. Zum
Gehen ist er nicht unbedingt nützlich, aber mich erfasst immer ein mulmiges
Gefühl, wenn ich Hunden begegne, die eine gewisse Größe überschreiten. Mit dem
Stab fühle ich mich sicherer. Ich gebe zu, auch Pfefferspray habe ich dabei. Ob
diese Utensilien im Ernstfall wirklich helfen, ist sicher eher fraglich, aber
mir geht es mit ihnen besser, zumal ich meistens alleine unterwegs bin.
In Großenbrode, die Sonne
scheint wieder, halte ich meine Mittagsrast auf einer Bank an der 1232 erbauten
St. Katharinenkirche. An der Westseite des Holzturmes entdecke ich kleine, grob
bearbeitete Grabsteine, die Jahreszahlen aus dem 19. Jahrhundert tragen. Auf manchen
sind Namen eingraviert. In einen kleinen Stein ist ein großes Herz eingeritzt,
in dem sich die BuchstabenMeterU T und die Jahreszahl 1821 befinden. Von dem
ehemaligen Küster erfahre ich, dass er diese Steine hier aufgestellt hat, die
eigentlich entsorgt werden sollten. Sie sind vermutlich von Menschen gefertigt
worden, die zu arm waren, um einen Steinmetz mit der Arbeit beauftragen zu
können.
Der Sound der Fernstraße auf dem Weg nach Großenbrode
Dann geht die Asphalttreterei
weiter. Bis zur Brücke war der Weg ganz nach meinem Geschmack, seitdem Asphalt.
Außerdem ist der Sound der Fernstraße laut zu hören. Und dann erlebe ich den
Horror Vacui der Pilger: leere Stumpfsinnigkeit, stumpfsinnige Leere. Auch
Rilkes Verse, die mich am Morgen elektrisiert hatten, erzeugen keinen Widerhall
in meiner Seele. Zu allem Überfluss muss kurz hinter dem Ortseingang von
Lütjenbrode ein Pfeil auf der Wegmarkierung gefehlt haben, wie ich bemerke, als
ich bereits in der Mitte des Ortes bin und die Wegbeschreibung aus dem Internet
hervor hole. Also zurück. Zum Glück wird der Weg nun wieder sehr schön. Auf
einem Fuß- und Radweg erreiche ich Gut Seekamp und genieße den Blick auf den
Großenbroder Binnenhafen.
Begegnung am Weg: auf dem Rad von Flensburg nach Ostpreußen
Kurz vor Sütel überholt mich
eine junge Frau auf einem Fahrrad. Neben ihr läuft ein Hund. An dem Vorder- und
Hinterrad ihres Fahrrades sind die berühmten wasserdichten roten Packtaschen
befestigt. Ich vermute, sie ist auf einer längeren Tour. Kurz darauf an einer
Weggabelung hole ich sie und ihren Hund wieder ein. Sie studiert die Karte.
Wir kommen miteinander ins
Gespräch, und sie erzählt, dass sie seit Flensburg auf dem Ostseeküstenradweg
unterwegs ist und diesen Weg bis Ostpreußen befahren will - an einem Stück.
Respekt, Respekt! Ihre Tour erinnert mich an eine eigene große Fahrradtour, von
der ich ihr erzähle. Es war eine Fahrradpilgertour mit Männern durch
Deutschland von Flensburg bis Lindau am Bodensee. Allerdings waren wir jeweils
nur eine Woche unterwegs und begannen im folgenden Jahr dort, wo wir im Vorjahr
aufhörten. Insgesamt waren wir in fünf Teilabschnitten unterwegs. "Und was
machen Sie jetzt?" fragt die Frau mich. - "Ich pilgere den Jakobsweg
durch Ostholstein von Puttgarden bis Lübeck in sechs Etappen." Wir
verabschieden uns und wünschen uns wechselseitig eine gute Zeit.
An der "Lörhstorfer Brücke": Erinnerung an die Pilger der
vergangenen Jahrhunderte
Ich durchwandere das kleine
Dorf Sütel. Aus dem Internettext erfahre ich, dass Sütel früher ein
Handwerkerdorf war und die Süteler "freie Bürger" und keine
Leibeigenen waren.
Der Anblick der
"Löhrstorfer Brücke" über die "Godderstorfer Au" lässt
meine Stimmung weiter steigen. Es ist eine Feldstein-Bogenbrücke, die um 1600
erbaut und im Jahr 2007 renoviert wurde. Eine Tafel informiert, dass sie Teil
eines sehr alten Fernweges ist, der von Skandinavien in den Süden führte. Ich
bin empfänglich für die Atmosphäre eines Ortes, dieser Ort hat eine besondere
Atmosphäre. Wie schon am Platz der Peter-und-Paul-Kapelle auf Fehmarn, so
stellt sich auch hier ein Gefühl der Zugehörigkeit zu dem langen Zug der
Menschen ein, die hier unterwegs waren.
Am Bahnübergang von Ölendorf
verlasse ich den Jakobsweg und wandere nach Neukirchen, etwa einen Kilometer.
Müde, aber mit dem Tag versöhnt, beschließe ich an der mächtigen St.
Antoniuskirche in Neukirchen meinen Pilgerweg.
Länge des Weges: ca. 24 Kilometer
Gehzeit (ohne Pausen) bei mäßigem Pilgertempo: ca. 6 Stunden
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