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Interview

"Da ist schon eine Träne im Knopfloch"

03.02.2016 | Abschied von Pastor Andreas Wackernagel: Der 48-Jährige, seit 2010 Personal- und Organisationsentwickler des Kirchenkreises Ostholstein, ist am Dienstag in der Michaeliskirche in Eutin verabschiedet worden. Er wurde zum Leiter der Institutionsberatung der Nordkirche berufen. Im Interview erzählt er von Projekten, die er betreut hat, und welche Gefühle seinen Abschied begleiten.

Andreas Wackernagel

Herr Wackernagel, Sie arbeiteten seit 2010 als Personal- und Organisationsentwickler des Kirchenkreises Ostholstein und haben sich um die Fusion und  mehrere Strukturprozesse im Kirchenkreis verdient gemacht. Was waren rückblickend die größten Herausforderungen?

Am Anfang war vieles im Kirchenkreis neu und fremd. Unterschiedliche Kirchenkulturen, Glaubenstraditionen und Frömmigkeitsstile sind aufeinandergeprallt und haben Sorgen und Spannungen erzeugt. Die größte Herausforderung war, die neue Vielfalt als eine Bereicherung anzunehmen. Gott sei Dank konnte der Kirchenkreis in den letzten sechs Jahren mehr und mehr zusammenwachsen - zu einem Raum, in dem ein vielfältiges, buntes Glaubensleben und viel Vertrauen herrschen.

Welches war Ihr größter beruflicher Erfolg? Es gab eine Fülle an Situationen, in denen sich das Miteinander in unserer Kirche so entwickelt hat, dass es Jesus wohl gefallen hätte. Als Mediator konnte ich erleben, wie sich ehemalige Konfliktpartner die Hände reichten und Kirchengemeinden wieder in eine konstruktive Zukunft fanden. Als Supervisor konnte ich dazu beitragen, dass Kolleginnen und Kollegen selbstbewusster, freudiger und mit klarerer Ausrichtung ihre pastorale Rolle gestalten mochten. Und als Organisationsentwickler freue ich mich, dass die Kreissynode dem Konzept für das Kindertagesstättenwerk folgen mochte und heute 19 Einrichtungen unter dem Dach des Kirchenkreises zusammengefasst sind.

Es waren sicher spannende Projekte. . . Ja, am spannendsten war der Weg zur Gründung des Kitawerkes, zweifelsfrei! Da kamen unterschiedliche Vorstellungen und Bedarfe zusammen. Da wurde um den gemeinsamen Weg gerungen - erfolgreich. Spannung wie vor der Bescherung brachten die Dank- und Fortbildungstage für Mitarbeitende mit sich. 2012 beispielsweise kamen die rund 350 pädagogischen Mitarbeitenden für einen Tag in Eutin zusammen, engagierten sich in 25 Workshops und feierten in der Michaeliskirche und auf dem Schlossplatz. Kirche vom Feinsten!

Was hat Ihnen persönlich Bauchschmerzen bereitet? Bauchschmerzen hatte ich, wenn sich Gremien oder Personen selbst im Weg standen und einen naheliegenden Schritt nicht gehen konnten. Wenn es in Beratungen nicht voran geht, hat das in der Regel nachvollziehbare Gründe. Diese Einsicht hat mir geholfen, nach außen gelassen zu blieben.

Wie haben Sie die vergangenen Jahre persönlich und fachlich geprägt? Ich durfte am Puls des Kirchenkreises arbeiten und wesentliche Entwicklungen begleiten. Dadurch hat sich ein tiefes Verständnis für die Zusammenhänge und Dynamiken unserer Kirche eingestellt.

Konnten Sie die Ziele, die Sie sich gesetzt hatten, in den letzten Jahren verwirklichen? Ich wollte mein Arbeitsfeld fest im Kirchenkreis verankern. Das ist voll gelungen. Personal- und Organisationsentwicklung arbeitet an den Zielen für den Kirchenkreis. Die wurden 2010 festgeklopft: Kirche in Ostholstein möchte "Glauben wecken, im Glauben ermutigen und Liebe üben". Dazu ist sie "sichtbar, erlebbar und erkennbar"; und "ihrem missionarischen Auftrag entsprechend gelingt es ihr, die Menschen zu gewinnen." Diese Ziele sind mit Leben zu füllen.

Sind Sie in Ihrem Dienst an Grenzen gestoßen? Ja. Manche Grenzen sind hilfreich - wenn sie  helfen, zu unterscheiden: richtig und falsch; hilfreich oder schädlich. Unheilvoll sind Grenzen dort, wo Menschen nicht bereit sind zuzuhören, hinzuschauen, sich einzulassen. Wo innere Grenzen den Kontakt blockieren, bleibt es zwischen Menschen tot. Schade.

Welches sind Ihrer Ansicht nach im Kirchenkreis in den nächsten fünf Jahren die zentralen Themen? Die aktuellen Herausforderungen der Gesellschaft werden die Themen des Kirchenkreises prägen. Das kirchliche Handeln wird stark auf die Unterstützung der Flüchtlinge zielen. Wichtig ist, den Kirchenmitglieder, die unsere Kirche ja persönlich und wirtschaftlich tragen, die Wichtigkeit ihrer guten Bereitschaft zu verdeutlichen.

Mit welchem persönlichen Gefühl verlassen Sie nun die Stabsstelle OE/PE? Im Abschied steigen gemischte Gefühle auf. Neben Stolz über das gemeinsam Erreichte ist da schon eine Träne im Knopfloch. Ich werde sehr geschätzte Kolleginnen und Kollegen, einen hervorragenden Dienstvorgesetzten, Propst Dirk Süssenbach, und einen Dienst, der mich erfüllt hat, zurücklassen. Noch stärker ist die Freude, dass mich die Kirchenleitung der Nordkirche in die Leitung der Arbeitsstelle Institutionsberatung berufen hat.

Ab dem 1. März werden Sie die Leitung der Institutionsberatung übernehmen. Was haben Sie sich für diese neue Aufgabe vorgenommen? Ich spüre Tatendrang und möchte das meinen Beitrag dazu leisten, dass unsere Nordkirche den Herausforderungen der Zukunft besser begegnen kann. Zunächst heißt es aber zuzuhören, hinzuschauen, nachzufragen, zu verstehen und im neuen Arbeitsfeld anzukommen. Meiner Nachfolgerin bzw. meinen Nachfolger in Ostholstein wünsche ich Gottes Segen und gutes Gelingen.    Interview: Melina Ulbrich

 

 

Andreas Wackernagel, 48 Jahre, wohnt mit seiner Frau und zwei Töchtern in Eutin. Er hat Evangelische Theologie in Hamburg und Kiel mit den Schwerpunkten Praktische Theologie und Pastoralpsychologie studiert und war Gemeindepastor in Jevenstedt (Kirchenkreis Rendsburg-Eckernförde) und in der St. Lorenzgemeinde Travemünde (Kirchenkreis Lübeck). Seit mehr als 20 Jahren arbeitet er als Berater. Als kirchlicher Personal- und Organisationsentwickler ist er zertifiziert als systemischer Supervisor und Coach, Konfliktberater und Mediator sowie Unternehmens- und Organisationsberater. Sein Leitmotiv - "Navigator auf dem Meer der Veränderung sein" - schlägt einen Bogen in die Vergangenheit des Pastors: Von 1987 bis 1989 war Andreas Wackernagel mit dem Schwerpunkt Navigation für die Marine im Einsatz und hat auf dem Segelschulschiff "Gorch Fock" die Welt umsegelt.