SCHLIESSEN

Suche

Jakobsweg 1

Puttgarden auf Fehmarn - Burg auf Fehmarn

Pilgern auf dem Jakobsweg durch Ostholstein: Kirche St. Nikolai in Burg auf Fehmarn: Flügelaltar, 2. Hälfte des 14. Jahrhunderts. Foto: Döbler
© Kirchenkreis Ostholstein

Pilgern auf dem Jakobsweg durch Ostholstein: Kirche St. Nikolai in Burg auf Fehmarn: Flügelaltar, 2. Hälfte des 14. Jahrhunderts. Foto: Döbler

 

Horst Grümbel

Wo auf Fehmarn vor 800 Jahren Pilger beteten

Puttgarden auf Fehmarn, früher Morgen. Tau liegt noch auf dem Land. Am Bahnhof beginne ich meine Pilgerwanderung auf dem Jakobsweg durch Ostholstein - der Via Scandinavica.

Auf der Holzbrücke überquere ich das Bahnhofs- und Fährgelände und folge der Markierung - eine stilisierte Jakobsmuschel in gelb auf blauem Grund - über den Deich nach Westen bis zum Naturschutzgebiet "Grüner Brink". Es ist schön, wieder unterwegs zu sein und neue, bisher unbekannte Wege zu gehen. Dutzende Kitesurfer sind schon an und auf dem Wasser und nutzen den kräftigen Ostwind für ihren Sport.

Ein Kreuz als Wegzeichen

Bei einem Gebäude, das wie eine kleine Kapelle aussieht, wendet sich der Weg nach Süden. Er führt an Weidezäunen und Entwässerungsgräben entlang. Der Boden ist über weite Strecken mit Brennnesseltrieben bedeckt, und ich stelle mir vor, wie das hier im Sommer aussieht.

An einer Feldzufahrt über einen Entwässerungsgraben zeigt der Pfeil der Markierung Richtung Süden. Da ist aber kein Weg, sondern ein frisch bestelltes Feld. Kann das sein, dass der Weg über ein Feld führt? Die Wegbeschreibung, die ich aus dem Internet herunter geladen und ausgedruckt habe, ist eindeutig: den Graben überqueren und in südliche Richtung gehen. Ich habe meine Zweifel, überquere zwar den Graben, aber laufe dann nicht über das Feld, sondern folge dem Graben am Rand des Feldes. Nach einigen hundert Metern stoppt ein Weidezaun den Weiterweg. Wie weiter? Johannisberg oder Todendorf sind Orte, die ich erreichen muss, notfalls über asphaltierte Straßen. Die Karte hilft nicht weiter. Bei einem Maßstab von 1:50.000 zeigt sie zu wenige Details. Ich schaue mich um - auf der Suche nach einem sinnvollen Weg. Und entdecke in ca. 300 m Entfernung ein Kreuz. Der Platz an dem die Kapelle St. Peter und Paul gestanden haben soll, ist laut Wegbeschreibung ca. 300 m vom Strand entfernt. Das könnte hinkommen. Also doch über den Acker.

Die gekreuzten Schlüssel - Symbol des Petrus: noch 1.675 Kilometer bis Rom

Es ist tatsächlich der Platz, an dem ein Gedenkstein an die 1198 erstmals erwähnte Kapelle St. Peter und Paul erinnert. (Man darf auf dem Jakobsweg offenbar keine Skrupel haben, einen bestellten Acker zu queren.) In einen riesigen Granit ist ein stilisiertes Kreuz eingelassen, in dessen Mitte zwei gekreuzte Schlüssel angebracht sind - das Symbol des Petrus. Die Vorstellung, dass vor über 800 Jahren Pilger hier gebetet haben, bewegt mich. Ich bete das Vaterunser, das Gebet, das seit 2.000 Jahren allen Christen gemeinsam ist. Eine Tafel neben dem Stein informiert, dass die Entfernung von hier bis nach Rom 1.675 Kilometer beträgt und nach Santiago de Compostela 2.366 Kilometer.

"Santiago liegt gleich um die Ecke"

Seit Ende des 20. Jahrhunderts gibt es eine Renaissance des Pilgerns. Was bewegt Menschen sich auf einen Pilgerweg zu begeben? Stefan Albus schreibt in seinem Buch "Santiago liegt gleich um die Ecke", dass es wohl der "Wunsch nach einer sinnerfüllten Auszeit" ist. Es ist wohl die Erfahrung sinnleerer Betriebsamkeit, die in unserer auf ökonomische Effizienz ausgerichteten Gesellschaft einen solchen Wunsch aufkommen lässt.

Und warum auf einem Jakobsweg pilgern? Jakobswege sind Wege, auf denen man sich in eine spirituelle Tradition einreiht. Dabei spielt es keine Rolle, dass das Jakobusgrab in Santiago de Compostela wohl eher Legende als historische Wirklichkeit ist. Stefan Albus sagt in seinem erwähnten Buch, dass es ihm nicht möglich ist, an Gott zu glauben. Aber er empfiehlt auch Ungläubigen das Pilgern, weil es ein Weg zu sich selbst sein kann. - Selbsterfahrung, sagen die christlichen Mystiker, ist immer auch Gotteserfahrung.

Aus Angst vor der Pest: mittelalterliche Ortsumgehungen für Pilger

Auf einer Asphaltstraße erreiche ich über Johannisberg Todendorf. Am Ortseingang zweigt der Pilgerweg nach links auf einen unbefestigten Fußweg ab, der den Ort nördlich und östlich umgeht. Diese Wegführung geht darauf zurück, dass man im Mittelalter Pilger nicht gerne in den Orten haben wollte, denn sie konnten Krankheiten, beispielsweise die Pest einschleppen.

Am Ortsrand von Todendorf kommt mir ein älterer Herr entgegen, der seinen Jagdhund an einer sehr langen Leine führt. Als wir uns näher kommen, fasst er die Leine kurz hinter dem Halsband. Ich bin ihm dankbar, dass er die Bewegungsfreiheit seines Hundes begrenzt, denn ich mag Hunde am liebsten in sicherer Distanz. Er mustert mich kurz, entdeckt dann offenbar die Jakobsmuschel an meinem Rucksack und fragt, ob ich den Jakobsweg gehe. Ich bejahe dies, und er will wissen, ob ich den ganzen Weg bis Santiago de Compostella gehe. Ich antworte, dass ich zunächst nur bis St. Jacobi in Lübeck gehe - sechs Etappen. Als wir uns verabschieden, sagt er: "So hat jeder das Seine: sie pilgern, ich trainiere meinen Hund." - Der Mann ist eine eindrucksvolle Erscheinung: Er hat volles weißes Haar und einen imposanten weißen Schnauzbart.

Turm von St. Nikolai in Burg auf Fehmarn grüßt aus der Ferne

Hinter Todendorf sehe ich zum ersten Mal das Ziel meiner heutigen Wanderung: den mächtigen Turm von St. Nikolai in Burg. Dann fehlen plötzlich die Markierungen. Nur mit Hilfe der Wegbeschreibung aus dem Internet, finde ich den Weg durch die Felder nach Niendorf. Am Ortseingang nutze ich eine Bank an einem Teich zu einer kurzen Rast. Bis hier war der Weg ausgesprochen einsam. In Niendorf gibt es auch wieder Markierungen, denen ich nach Burg folge.

Kapelle für Pestkranke

In Burg fehlen dann an wichtigen Stellen wieder Markierungen oder ich habe sie nicht entdeckt. Dank der Wegbeschreibung gelange ich zur St.-Jürgen-Kapelle, in der der eichene Opferstock aus der früheren St.-Peter-und-Paul-Kapelle steht. Die St.-Jürgen-Kapelle gehörte früher zu einem Gebäudekomplex, in dem die Pestkranken untergebracht waren. Mein Pilgerweg endet in St. Nikolai. Die gotische Backsteinhallenkirche, deren älteste Teile aus der Mitte des 13. Jahrhunderts stammen, beeindruckt sowohl durch ihre äußere Erscheinung wie durch ihren dreischiffigen Innenraum.

Auf der Rückseite einer Seitentafel des St. Blasiusaltars, eines Seitenaltars, befindet sich eine Abbildung des Heiligen Jakobus mit Pilgerstab und Pilgertasche. Dankbarkeit empfinde ich, als ich vor dem Hauptaltar stehe. In der Mitte des oberen Teils ist ein segnender Christus in der Mandorla dargestellt. Ich bete noch einmal das Vaterunser.

Länge des Weges: ca. 14 Kilometer

Gehzeit (ohne Pausen) bei mäßigem Pilgertempo: ca. 4 Stunden