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Jakobsweg 3

Neukirchen bei Oldenburg i.H. - Cismar

Altarraum von St. Antonius in Neukirchen bei Oldenburg mit restaurierten mittelalterlichen Wandmalereien. Foto: Horst Grümbel
© Kirchenkreis Ostholstein

Altarraum von St. Antonius in Neukirchen bei Oldenburg mit restaurierten mittelalterlichen Wandmalereien. Foto: Horst Grümbel

 

Horst Grümbel

Orgel, Saxophon und rotierende Scheiben

Orgel und Saxophon - Musik, als ich St. Antonius in Neukirchen betrete. Ich bin hoch erfreut, setze mich in eine Bank und höre. Später erfahre ich durch ein Plakat an der Kirchentür, dass am Abend ein Konzert stattfindet. Als die Musiker eine Pause einlegen, erkunde ich die Kirche, die durch ihre räumliche Vielfalt geradezu zum Entdecken einlädt.

St. Antonius in Neukirchen: spektakuläre Wand- und Deckenmalereien

Der frühgotische Backsteinbau wurde Mitte des 13. Jahrhunderts vollendet, später wurde ein Südschiff angebaut. Am spektakulärsten sind die Wand- und Deckenausmalungen im Chor, die kürzlich restauriert und konserviert wurden. Eine Infotafel in der Turmhalle informiert über diese Arbeiten: "Die Wand- und Deckenausmalung im Chor entstammt dem zweiten Viertel des 14. Jahrhunderts, die Umrahmung der Wand- und Fensterbögen, die Lilien in der Mitte der Gewölbe und die Scheitelzier werden auf die Erbauungszeit datiert." Ich erfahre, dass der Chorraum einer der wenigen zusammenhängend figürlich ausgemalten Chorräume aus der Zeit der Gotik in Norddeutschland ist. Im Gästebuch, das in der Turmhalle ausliegt, entdecke ich diesen Eintrag:

"Wer glaubt ein Christ zu sein,
weil er die Kirche besucht, irrt sich.
Man wird ja auch kein Auto,
wenn man in einer Garage steht.
Gott schütze den Atheismus!!!"

Amüsiert und irritiert verlasse ich die Kirche.

Die Spiralen von Neukirchen: "Leben ist Bewegung"

Bei strahlendem Sonnenschein und einem leichten Wind mache ich mich auf den Weg zum Bahnübergang Ölten, um dort die Wanderung auf dem Jakobsweg fortzusetzen. Irgendwie gehe ich heute anders. Und mit leichtem Erschrecken wird mir bewusst, dass ich ohne orthopädische Einlagen in den Schuhen unterwegs bin; sie stecken in anderen Schuhen. Das kann ja heiter werden! Ich schnüre die Schuhe fester, damit möglichst wenig Reibung entsteht, und hoffe, dass sich auf diese Weise die Bildung von Blasen verhindern lässt. Meinen Füßen verspreche ich, dass ich sie nach dem Duschen am Abend sehr sorgfältig salben werde, wenn sie durchhalten; wenn sie nicht durchhalten, brauchen sie noch mehr Pflege.

Zwei kreisrunde weiße Scheiben wecken am Ortsrand von Neukirchen meine Neugier. Breite schwarze Linien sind auf sie gemalt. Es sind Rotationsscheiben, wie auf Infotafeln zu lesen ist. Wenn man sie in Drehung versetzt, sollen sich interessante optische Effekte ergeben. Ich probiere es an der Scheibe, die den Namen "Spirale" trägt, aus: Im Uhrzeigersinn gedreht, "erweitert" sich die Spirale nach außen, entgegen der Uhrzeigerrichtung gedreht, entsteht der Eindruck eines sich nach innen verjüngenden Trichters. Blickt man dann in die Landschaft, scheint sie sich wie in Zeitlupe zu erweitern bzw. zu verengen. Auf der Infotafel ist ein Satz von Hugo Kükelhaus zu lesen: "Leben ist Bewegung". Spontan beschließe ich, mit diesem Satz heute zu pilgern.

Pilgerglück: Aussicht über Felder und Knicks bis zur Ostsee

Kurz vor Michaelsdorf genieße ich einen wunderschönen Blick über die Felder und Knicks bis zur Ostsee. Solche Blicke sind es, die das Glück des Pilgers immer wieder ausmachen. Ich rufe mir meinen Satz in Erinnerung: "Leben ist Bewegung". Was bewirkt dieser Satz in mir? Ich spüre vor allem Dankbarkeit, dass ich als Pilger in Bewegung sein kann.

Am Ortausgang von Kraksdorf begegne ich drei Haflingern auf einer Weide. Diese aus Südtirol stammenden Pferde mag ich besonders gerne. Vermutlich ist es das Blond ihrer Mähnen und Schweife, das mich für sie einnimmt. Jetzt ist der brennende Schmerz im linken Vorderfuß nicht mehr zu ignorieren. Auch wegen dieses Schmerzes trage ich Einlagen. Aber die sind ja nun nicht in den Schuhen, so dass Knochen ungehindert auf Nervenenden drücken, wie man mir einmal erklärt hat.

Entlang dem Ostseeküstenradweg

Seit Michaelisdorf verläuft der Jakobsweg wieder auf dem Ostseeküstenradweg. Ich denke an die junge Frau auf dem Fahrrad, die, begleitet von ihrem Hund, auf diesem Weg bis Ostpreußen radeln wollte. Vor 14 Tagen sind wir uns begegnet. Wie weit sie wohl inzwischen gekommen ist?

Es ist jetzt richtig heiß. Bei der Durchquerung von Süssau spüre ich ein leichtes Zwicken unter der linken Ferse. Ein untrügliches Zeichen, dass sich eine Blase bildet. Also raus aus Schuh und Socke und Blasenpflaster auf die zwickende Stelle kleben. Wenn dies rechtzeitig geschieht, dann kann die Bildung einer richtigen Blase verhindert werden, so meine Erfahrung, und ich hoffe, dass es auch diesmal funktioniert.

Auf einer Anhöhe vor Gut Rosenhof befindet sich ein weithin sichtbares Hügelgrab. Hier sehe ich auch zum ersten Mal den Turmhelm der Gruber Kirche. Ab Gut Rosenhof geht es an der B 501 entlang - öde. Inzwischen schmerzt auch der rechte Fuß. Dieser Schmerz im rechten Mittelfuß ist ein alter Vertrauter, ich habe gelernt, mit ihm zu leben.

Kurz vor Grube überquere ich auf einer kleinen Brücke den "Oldenburger Graben", eine in der letzten Eiszeit entstandene Rinne, die Wagrien durchschneidet und von Weißenhäuser Strand bis Dahme verläuft. Hier am Oldenburger Graben fällt mir eine Formulierung von Siegfried Lenz ein, die ich in einer seiner Erzählungen gelesen habe: "hoher Himmel, niedriger Horizont" - so ist Wagrien.

"Laudate omnes gentes" vor Gruber Schnitzaltar

An der Gruber Kirche empfängt mich mein Freund Martin. Wir hatten verabredet, dass wir das letzte Stück des Weges gemeinsam gehen. Die Umarmung ist herzlich. Ich erzähle ihm von meinem Malheur mit den Einlagen, und, dass ich jetzt erst einmal rasten möchte. Wir betreten die große Backsteinkirche aus dem 13./14. Jahrhundert. In St. Jürgen fühle ich mich aufgehoben und genieße die Stille. Nach einer Weile beginnt Martin, die Kirche zu erkunden, ich folge ihm. Schweigend betrachten wir den schönen Schnitzaltar. An einem Tisch, auf dem man Kerzen anzünden kann, finden wir den Satz von Hans von Keler: "Das Gebet ersetzt keine Tat, aber das Gebet ist eine Tat, die durch nichts anderes ersetzt werden kann." Wir singen "Laudate omnes gentes", wie wir es aus der Männerarbeit kennen, und verlassen die Kirche.

Pilgerbegegnung unterwegs

Auf dem schmalen Weg zwischen Guttau und Wintersberg kommt uns ein PKW entgegen. Als wir auf gleicher Höhe sind, hält der Fahrer an und fragt aus dem offenen Fenster, ob wir Pilger sind? Er habe vorhin, als er uns überholte, die Jakobsmuschel auf meinem Rucksack gesehen. Wir bejahen seine Frage. Daraufhin parkt er sein Auto am Wegesrand, steigt aus und fragt nach dem Weg, den wir gehen. Ich erzähle, dass ich den Jakobsweg durch Ostholstein gehe, jeweils einen Tag unterwegs bin, und dass mich meine Frau morgens an den Ausgangsort fährt und nachmittags wieder abholt.

Er werde mit seiner Frau in diesem Jahr den Jakobsweg durchs Lahntal von Gießen bis Neulahnstein pilgern, erzählt der Mann. "Wenn Sie nicht von ihrer Frau abgeholt würden, dann hätte ich Sie beide zu uns zum Übernachten und zum Austausch übers Pilgern eingeladen." Ein interessantes Angebot, aber es passt nicht in unsere Planung.

Als er die Jakobsmuschel entdeckt, lächelt der Mönch

In Cismar haben wir noch eine weitere besondere Begegnung. Aus einem Auto steigt ein Mann mittleren Alters mit kahl geschorenem Kopf und in ein curryfarbenes Gewand gekleidet. Wir vermuten, dass er ein buddhistischer Mönch ist. Ein älterer Herr bekleidet ihn, sie sprechen Deutsch miteinander. Als er die Jakobsmuschel auf meinem Rucksack entdeckt, lächelt er und nickt uns zu.

Auf meinem bisherigen Weg durch das nördliche Ostholstein habe ich immer wieder sehr schöne ursprüngliche Orte kennengelernt, in denen, wie Dietrich Bonhoeffer es formulierte, die "Kirche mitten im Ort steht". Burg auf Fehmarn war solch ein Ort, Großenbrode auch und heute Neukirchen.

Dietrich Bonhoeffer zieht aus der Beobachtung der Kirche mitten im Ort, eine für mich wichtige theologische Folgerung. Er ist der Meinung, die Kirche solle in ihrer Verkündigung nicht primär bei den negativen Erfahrungen des Lebens, bei Leid, Sinnlosigkeit und Schuld anknüpfen, sondern dort, wo das Leben in seiner Fülle erlebt wird, wo Freude und Dankbarkeit aufbrechen.

P.S. Meine Füße haben durchgehalten. Sie schmerzen wohl, aber es gibt keine Blasen.

Länge des Weges: ca. 19 Kilometer

Gehzeit (ohne Pausen) bei mäßigem Pilgertempo: ca. 5 Stunden