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Jakobsweg 4

Cismar - Neustadt in Holstein

Kloster Cismar. Foto: Hergen Köhnke, www.video-kopter.de
© Kirchenkreis Ostholstein

Klosteranlage Cismar: Schon 1245 wurde das Kloster gegründet, das bis 1561 ein Benediktinerkloster war. Die Kirche ist der einzige noch erhaltene sakrale Bau der Anlage. Sie ist zwischen 1250 bis 1280 entstanden und mit ihren Spitzbogenfenstern und den Kreuzrippengewölben ein Zeugnis der Gotik. Foto: Hergen Köhnke, www.video-kopter.de

 

Horst Grümbel

Gotik hinter Glas und ein Refugium der Stille

Vom mittelalterlichen Kloster Cismar ist als sakraler Bau nur noch die Kirche erhalten, erbaut zwischen 1250 und 1280. Im Großteil des nördlichen Gebäudekomplexes, den die Kirche nach Osten abschließt, ist eine Außenstelle des Schleswig-Holsteinischen-Landesmuseums untergebracht, in der wechselnde Kunstausstellungen gezeigt werden.

Cismar: gegründet von zwangsversetzten Mönchen

Kloster Cismar wurde 1245 gegründet und war bis 1561 ein Benediktinerkloster. Die Gründung des Klosters war kein Ruhmesblatt für die Mönche. Sie wurden von Lübeck in das abgelegene Cismar zwangsversetzt, weil sie in dem Doppelkloster an der Trave gegenüber den Nonnen, die gebotene mönchische Zucht vermissen ließen. Außerdem spielte Streit mit Zisterziensermönchen eine Rolle bei der Versetzung.

Später wurden dem Kloster wertvolle Reliquien geschenkt. Dadurch wurde Cismar im Mittelalter ein wichtiger Wallfahrtsort. Ich gehe über den Innenhof und betrete den Vorraum der Kirche. Die Kirche selbst ist verschlossen, vermutlich wegen des wertvollen Schnitzaltars, aber eine Glaswand, die bis zur Decke reicht, gewährt Einblick in das Innere. Gerne hätte ich die Kirche betreten, um die Atmosphäre des Raumes auf mich wirken zu lassen, die von der für die Gotik typischen Vertikalen bestimmt wird, die zum Himmel strebt.

"Literatur im Weißen Haus"

Vor der Klosteranlage befindet sich das "Weiße Haus". Hier hat der Verein "Literatur im Weißen Haus" sein Domizil, der von der Lyrikerin Doris Runge initiiert wurde, die hier mit ihrem Mann lebt. Von März bis November gibt es im "Weißen Haus" literarische Veranstaltungen: Lesungen, Vorträge, Diskussionen. Alle waren sie schon einmal hier: Ulla Hahn ebenso wie Herta Müller, Marcel Reich-Ranicki und seine Frau Teofila auch.

Weiter über die Dörfer

Laut Wegbeschreibung aus dem Internet verläuft der Jakobsweg in zwei Varianten von Cismar nach Süden. Die eine führt zum Ostseestrand und über die Strandpromenade nach Grömitz und weiter bis Rettin. Der andere Weg führt über kleine Dörfer bis Bliesdorf, dann weiter über Brodau nach Rettin. Da ich keine Lust auf die Strandpromenade habe, wähle ich den Weg über die Dörfer. Allerdings ist dieser Weg, wie ich bald merke, nicht mit dem Symbol des Jakobsweges markiert, sodass ich mich mit Hilfe einer Wanderkarte orientieren muss.

Refugien der Stille - wie auf Bornholm

Ich folge der B 501 aus Cismar hinaus. Ca. 2,5 km nach Kloster Cismar überquere ich kurz vor dem kleinen Dorf Ziegelhof die Bundesstraße und gehe Richtung Lensterhagen. Anfangs passieren mich immer wieder Autos, und ich bekomme Zweifel, ob es richtig war, diesen Weg gewählt zu haben. Es sind Urlauber, die hier unterwegs sind, was an den Kennzeichen leicht zu erkennen ist: E, BI, KT. Ab Stadtfurth aber erweist sich die Wegwahl als richtig. Ich bin überrascht und fasziniert von der Abgeschiedenheit und Stille, nur die Vögel und der Wind sind zu hören. Es ist Bauernland und erinnert mich an Bornholm; dort gibt es auch solche Refugien der Stille. Ich lese den Text, der mich heute begleitet:

"Bekomme Augen für das Kleine,
das dein Fuß so sorglos zertreten kann.
Den Wundern begegne,
wo sie sich im Alltäglichen verstecken.
Freue dich an den Kleinigkeiten,
die dir jeden Tag zuwachsen."

Wer diese Zeilen geschrieben hat, ist mir nicht bekannt.

Lieber Windkraftanlagen als Atommüll

In Brekenhagen habe ich Orientierungsprobleme, weil ich meine Position am Ortsrand nicht mit der Karte in Übereinstimmung bringen kann. Schließlich orientiere ich mich an der Sonne. Sie steht um die Mittagszeit im Süden, und nach der Karte führt der Weg nach Süden. Bald finde ich dann auch wieder Wegweiser, die den Weg nach Bliesdorf weisen.

Auf diesem Wegstück fallen die vielen Windkraftanlagen ins Auge. Wahrlich keine Zierde für die Landschaft. Aber wer den Atomausstieg will, der muss sich mit Windkraftanlagen abfinden. Ich halte den Ausstieg aus der Atomenergie für zwingend geboten, aus meiner Sicht hätte diese Technologie nie zur Anwendung kommen dürfen, weil ich eine Technologie für unverantwortlich halte, deren Entsorgung des Mülls, gemessen an der bisherigen Menschheitsgeschichte auf diesem Planeten, sich über unvorstellbar lange Zeiträume erstreckt.

Kurz vor Bliesdorf erreicht mich doch noch der kräftige Regenschauer, den ich über dem Bungsberg seit geraumer Zeit beobachtet habe, der immer näher kam und mich mein Gehtempo steigern ließ. Rasch ziehe ich den Anorak an und spanne den Regenschirm auf. Im Ort finde ich Unterschlupf in einem Wartehäuschen an einer Bushaltestelle. Ein älterer Herr hält mit seinem Fahrrad an und stellt sich ebenfalls unter.

Eine Radtour, die in den DDR-Knast führt: Verdacht auf versuchte Republikflucht

Ich nutze die Gelegenheit der Rast und esse ein Brot. Der Mann tippt mich an und wünscht mir einen guten Appetit. Wir kommen ins Gespräch und er erzählt, dass er aus dem Raum Magdeburg stammt und aktiver Radrennfahrer war. Täve Schur, das Idol der DDR-Radsportler, war sein großes Vorbild. Er habe bisher ca. 400.000 km auf dem Fahrrad zurückgelegt, sagt der Mann. Und dann erzählt er, dass er einmal eine Fahrradtour nach Ungarn unternommen habe. Als er dann am Grenzübergang Zinnwald an der Grenze der damaligen Tschechoslowakei und der DDR wieder einreisen wollte, sei er festgenommen worden, wegen des "Verdachts des Versuchs der Vorbereitung der Nichtwiedereinreise". Ein ganzes Wochenende sei er pausenlos und ohne Essen verhört worden. "Ich wollte nicht weg, wollte nur eine längere Radtour machen." Er sei dann zu einer Haftstrafe verurteilt worden und habe ein Jahr gesessen. Gegen Ende der DDR sei er rehabilitiert worden. Als er sich auf sein Rad schwingt, die Sonne scheint wieder, ruft er mir im Wegfahren zu: "Ich bin dem Schöpfer dankbar, dass ich nie ernstlich krank war."

Ab Bliesdorf ist es mit der Abgeschiedenheit vorbei. Der Weg nach Brodau ist zwar nur eine Nebenstraße, aber zur Sommerzeit stark befahren, und da es keinen Fahrradweg gibt, wandere ich am linken Rand der Straße entlang, immer wieder Autos zur Böschung oder zum Straßengraben hin ausweichend.

In Brodau treffe ich meinen Freund Martin, mit dem ich verabredet bin; gemeinsam wollen wir die letzten Kilometer bis Neustadt wandern. Ab Brodau ist der Weg wieder gut mit der stilisierten Jakobsmuschel markiert, allerdings führt er an vielbefahrenen Straßen entlang. Da ist es gut, wenn man zu zweit unterwegs und im Gespräch vom Verkehr abgelenkt ist. In Neustadt endet unser Pilgerweg an der Stadtkirche. Ich lese Martin den Text vor, den ich auf dem Weg meditiert habe.

Länge des Weges: ca. 22 Kilometer

Gehzeit (ohne Pausen) bei mäßigem Pilgertempo: ca. 5 ½ Stunden