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Jakobsweg 5

Neustadt in Holstein - Klingberg

Stadtkirche Neustadt in Holstein: Barockaltar von 1643. Foto: Döbler
© Kirchenkreis Ostholstein

Stadtkirche Neustadt in Holstein: Barockaltar von 1643. Foto: Döbler

 

Horst Grümbel

Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen...

Schweigend stehen Martin und ich vor dem Altar der Stadtkirche von Neustadt. Ursprünglich war er für den Dom in Schleswig bestimmt. Der im Jahr 1643 gefertigte Altar gehört zu den bedeutendsten Hochbarockaltären Schleswig-Holsteins. Ich lese Psalm 121, der uns heute begleiten soll:

"Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen.
Woher kommt mir Hilfe?
Meine Hilfe kommt von dem Herrn,
der Himmel und Erde gemacht hat.
Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen,
und der dich behütet schläft nicht.
Siehe der Hüter Israels
schläft und schlummert nicht.
Der Herr behütet dich;
der Herr ist dein Schatten über deiner rechten Hand,
dass dich des Tages die Sonne nicht steche
noch der Mond des Nachts.
Der Herr behüte dich vor allem Übel,
er behüte deine Seele.
Der Herr behüte deinen Ausgang und Eingang
von nun an bis in Ewigkeit.

Wir wenden uns um und singen "Laudate omnes gentes", dann brechen wir auf. Nach der Brücke am Hafen passieren wir das "Heilig-Geist-Hospital" und umrunden die dortige Kapelle. 1262 wurde das Hospital gegründet, hier konnten früher Pilger rasten.

Worte auf dem Weg: unterwegs mit Psalm 121

Am Stadtrand von Neustadt beginnen wir unsere Schweigezeit. Psalm 121 ist ein altes Pilgerlied. Es wurde von den Festpilgern beim Aufbruch nach Jerusalem angestimmt: "Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe?" (V.1). Voll Sorge und mit bangem Herzen denken die Pilger an den Weg, denn da sind die Berge, die Berge der judäischen Wüste mit ihren Gefährdungen, mit ihren Schwierigkeiten. Und deshalb fragen sie: "Woher kommt mir Hilfe? Wer beschützt meinen Weg? Wer leitet meine Schritte? Wer nimmt mir die Sorgen?

Ich überlege - es ist wohl erlaubt, die Berge, von denen im Psalm die Rede ist, auch im übertragenen Sinne zu verstehen: Berge als Metapher für Schwierigkeiten und Probleme. Manchmal ist es doch so, dass sich "Berge" vor uns auftürmen und unseren Blick auf sich ziehen: Sorgen, Fragen, Probleme, Ungewissheiten, Unwägbarkeiten. Und dann kann es geschehen, dass wir wie die Pilger damals beklommen und voll Sorge fragen: "Woher kommt mir Hilfe?"

Im Psalm findet ein überraschender Wechsel in der inneren Haltung statt. Auf die besorgte Frage folgt ein Bekenntnis des Vertrauens: "Meine Hilfe kommt von dem Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat" (V. 2). Die Beklemmung wird durch Vertrauen abgelöst. Im Bild ausgedrückt: Der Pilger sieht nicht mehr nur die Berge, sondern er blickt höher hinauf - auf Gott.

Der zweite Teil des Psalms ist ein Reisesegen, der den Pilgern beim Aufbruch zugesprochen wird. Und dieser Segen will Vertrauen stärken, Vertrauen auf Gott. Wo Vertrauen geweckt wird, da wird aus dem sorgenden Hinschauen auf die Berge ein vertrauendes Aufschauen auf Gott.

Auf der Poststraße vorbei an Taschensee und Hügelgrab

Wir unterqueren die Autobahn zwischen Wintershagen und Oevelgönne und beenden unsere Schweigezeit. Von Westen zieht eine sehr dunkle Wolkenwand auf, die ein Unwetter mit Blitz, Donner und Hagel mit sich bringen kann. Bewährt sich mein Vertrauen, "der dich behütet, schläft nicht" (V. 3)? Ich bin froh, dass die dunklen Wolken in einiger Entfernung an uns vorüberziehen und es lediglich zu regnen beginnt.

Ab Gut Oevelgönne, der Regen hat schon wieder aufgehört, verläuft der Jakobsweg auf der alten Poststraße zwischen Lübeck und Neustadt. Wir passieren den Taschensee und ein markantes Hügelgrab, dann erreichen wir Gronenberg. Hier gönnen wir uns einen kleinen Abstecher auf die Gronenberger Höhe und genießen einen wunderschönen Blick über Wiesen, Felder und Knicks auf die Lübecker Bucht. Martin sagt: "Die Ausblicke, die wir auf diesem Wegabschnitt haben, sind ein Geschenk."

Geroldkirche Klingberg

An der B 432 führt der ausgeschilderte Jakobsweg geradeaus auf einer asphaltierten Straße bis zur Geroldkirche in Klingberg. Ich kenne einen schöneren Weg. Wir gehen bis Pönitz am See, überqueren die Bundesstraße und wandern auf einem Fußweg am östlichen Ufer des Großen Pönitzer Sees nach Klingberg.

Die Geroldkirche ist offen, weil die Küsterin die Liednummern für den Gottesdienst am Sonntag steckt - Pilgerglück. Der Name der Kirche hält die Erinnerung an Bischof Gerold lebendig, der 1155 Bischof Vicelin, dem "Apostel Wagriens", im Bischofsamt folgte. Ich lese noch einmal Psalm 121 und mit "Laudate omnes gentes" beenden wir unseren Pilgerweg.

Länge des Weges: ca. 15 Kilometer

Gehzeit (ohne Pausen) bei mäßigem Pilgertempo: ca. 4 Stunden