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Jakobsweg 6

Klingberg - Lübeck

Jakobus-Darstellung in St. Jacobi, Lübeck. Foto: Grümbel
© Kirchenkreis Ostholstein

Am Ziel des Pilgerweges, jenseits der Grenzen Ostholsteins: Jakobus-Darstellung in St. Jacobi, Lübeck. Foto: Grümbel

 

Horst Grümbel

Jakobus und Orgelvesper: Pilgerglück am Ziel

An der Geroldkirche in Klingberg schlage ich das "Loccumer Brevier" auf und lese einen Satz von Pierre Stutz, den ich auf dem letzten Abschnitt des Jakobsweges durch Ostholstein meditieren will:

"Dem Leben wirklich
Tag für Tag begegnen
heißt offen sein und bleiben
für das Unerwartete
für die Verwandlung
für die Überraschung".

Wolkentheater über Luschendorf

Auf asphaltierter Straße führt der Weg von Klingberg nach Schürsdorf. Es gibt eine landschaftlich wunderschöne Alternative zum ausgeschilderten Jakobsweg - der Europäische Fernwanderweg 1. Aber die Jakobspilger früherer Zeiten waren sicher nicht in erster Linie an schönen, sondern an zielführenden Wegen interessiert. Deshalb hat die neue Markierung des Jakobsweges ihre Berechtigung, ich folge ihr.

Von Schürsdorf führt der Weg über Luschendorf nach Pansdorf. Am Himmel spielt sich großes Wolkentheater ab. Die meisten Pilgerwege bin ich bisher mit Gruppen gegangen, oft mit Männern, aber auch mit gemischten Gruppen, einige Male sogar mit Familien. Das waren je eigene Erfahrungen und Erlebnisse. Heute bin ich froh, dass ich alleine unterwegs bin und den Weg schweigend gehen kann.

Jakobsmuschel: Zeichen und Anknüpfungspunkt

Pilger auf dem Jakobsweg befestigen in der Regel eine Jakobsmuschel an ihrem Rucksack. Ich habe lange überlegt, ob ich das auch tue. Ist das nicht nur Pilgerfolklore? Ich habe mich für das Tragen der Muschel entschieden, weil sie mich als Pilger auf dem Jakobsweg kenntlich macht. Durch das Tragen der Muschel bekenne ich mich zu einer spirituellen Tradition, ich veranschauliche meine Zugehörigkeit zur Gemeinschaft der Pilger. Auf dem bisherigen Weg wurde ich gelegentlich auf die Muschel angesprochen und gefragt, ob ich den Jakobsweg gehe. So ergaben sich Gespräche.

Ab Pansdorf wird der Weg ungemütlich, an vielbefahrenen Straßen geht es entlang und durch Wohngebiete. Wie sich herausstellt, wird sich das bis Lübeck nicht ändern, die einzige Ausnahme ist in Bad Schwartau der Weg durch die Schwartauer Auenlandschaft - keine guten Bedingungen für die Meditation eines Textes. Ich bin froh, als ich in Techau in die Lindenallee abbiegen kann, die nach Ratekau führt. Und dann stehe ich vor der alten Feldsteinkirche in Ratekau, die im Licht der Nachmittagssonne erstrahlt. Die 855 Jahre alte Kirche wurde in den zurückliegenden drei Jahren grundlegend saniert. Ende August feierte die Kirchengemeinde die Wiedereröffnung.

Finale mit Bach

Die Altstadt von Lübeck betrete ich durch das Burgtor. Kurze Zeit später erreiche ich St. Jacobi, die alte Pilger- und Seefahrerkirche. Pilgerglück: in einer Viertelstunde beginnt eine Orgelvesper. Von einer freundlichen Dame, die die Besucher empfängt, erfahre ich, dass es in der Kirche zehn Abbildungen des Heiligen Jacobus gibt: Gemälde, Skulpturen, Reliefs. Und sie weist mich auf einen stilisierten Pilgerstab hin, der in eine Grabplatte graviert ist, und erklärt, dass Menschen, die auf einem Pilgerweg waren, ihren Grabstein mit einem solchen Pilgerstab schmücken durften. Die Zeit bis zum Beginn der Vesper nutze ich, um die Jakobus-Darstellungen zu entdecken - sechs finde ich. Dann erklingt Musik von Johann Sebastian Bach - ein schöner Abschluss meiner Wanderungen auf dem Jakobsweg durch Ostholstein.

Länge des Weges: ca. 20 Kilometer

Gehzeit (ohne Pausen) bei mäßigem Pilgertempo: ca. 5 Stunden