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Kinder und Familien

1. Runder Tisch zum Thema Kinderarmut in Ostholstein

05.04.2019 | Eutin. Wie lässt sich die Kinderarmut wirksam vermindern? Wie ist die tatsächliche Situation, welche Instrumente gibt es bereits und wo gibt es noch Handlungsbedarf? Um diese Fragen ging es am Dienstagabend beim „Runden Tisch gegen Kinderarmut in Ostholstein“, zu dem sich 26 Entscheider und Fachleute aus der Region im „Haus der Begegnung“ in Eutin versammelt hatten.

Runder Tisch Kinderarmut
Runder Tisch Kinderarmut

Ein Fazit nach zweieinhalb Stunden intensiver Gespräche: Der Austausch soll fortgeführt werden, denn die Teilnehmer aus Politik und Verwaltung, aus Vereinen, Hilfsorganisationen und Kirche schauen aus unterschiedlichen Blickwinkeln auf die Thematik und wollen doch gemeinsam das Eine: die Kinderarmut bekämpfen. Eingeladen hatte der Kirchenkreis Ostholstein.
Peter Wendt, Präses der Kirchenkreissynode verwies zum Auftakt des Abends auf eine Experten-Anhörung vom vergangenen Jahr, die im Zuge einer Visitation von Bischof Gothart Magaard im Kirchenkreis stattgefunden hatte. Magaard hatte dazu in einem Interview erklärt: „Wie können wir es hinnehmen, dass ein Viertel der Kleinsten in Armut aufwächst? Warum bekommen wir als Gesellschaft das nicht in den Griff, obwohl sich so viele engagieren? Das ist ein unhaltbarer Zustand. Wir sollten meines Erachtens über eine Kindergrundsicherung diskutieren, die Kindern mehr Teilhabe ermöglicht“, zitierte Wendt den Bischof.
„Kinder können selbst nichts gegen Armut unternehmen – sie brauchen uns“, ergänzte Kreispräsident Harald Werner.
Wie Karsten Marzian, Geschäftsführer des Jobcenters Ostholstein, in einem Kurzvortrag ausführte, waren im vergangenen Jahr im Kreis mehr als 3800 Kinder unter 18 Jahren auf Leistungen des Jobcenters nach dem Sozialgesetzbuch II (SGB II) – langläufig als Hartz IV bekannt – angewiesen. Mit einer Quote von 12,9 Prozent aller Minderjährigen liegt der Kreis damit zwar unterhalb des Landesdurchschnitts (16,1 Prozent), doch die Analyse einzelner Altersgruppen zeigt: Kinder unter sechs Jahren sind besonders betroffen.
Dabei ist Arbeitslosigkeit der Eltern nur eine Ursache, zumal sich die Arbeitslosenzahlen seit 2005 mehr als halbiert haben. Eine zentrale Rolle spielen vielmehr geringe Einkommen: Der Vergleich der Bruttoarbeitsentgelte belegt, dass der Kreis Ostholstein unter allen westdeutschen Landkreisen und kreisfreien Städten beim durchschnittlichen Monatseinkommen mit 2636 Euro auf dem vorletzten Platz liegt (Stand Ende 2017). Grund dafür ist unter anderem das geringe Lohnniveau im Hotel- und Gaststättengewerbe sowie im Pflege- und Gesundheitsbereich, die wichtige Säulen der ostholsteinischen Wirtschaft darstellen.
Alfred Grüter, Leiter des Fachbereichs für Soziales und Jugend beim Kreis, beschrieb die negativen Auswirkungen, die Armut auf die Psyche der Menschen hat. Denn das Gefühl, nichts im Portemonnaie zu haben und ständig alles nachrechnen zu müssen, verursache Stress bei den Betroffenen, so Grüter. Hinzu komme das Gefühl von Ausgrenzung und die faktische Einschränkung persönlicher Freiheiten, weil eine gesellschaftliche Teilhabe kaum möglich sei.


In Arbeitsgruppen widmeten sich die Teilnehmer dann sowohl den vorhandenen als auch den wünschenswerten Angeboten und Fördermaßnahmen. Auf der Habenseite steht dabei eine Vielzahl von Hilfen, angefangen von staatlichen Transferleistungen bis hin zu Beratungs- und Bildungsangeboten sowohl staatlicher Stellen als auch der Kirchen und Verbände. Diese könnten untereinander jedoch zum Teil noch besser vernetzt sein, hieß es.
Mangel herrscht nach Ansicht vieler Fachleute vor allem im Bereich der Kinderbetreuung, was nicht nur die Zahl der Betreuungsplätze angeht, sondern vor allem auch flexiblere Angebote für Berufstätige. Auch der öffentliche Nahverkehr spiele in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle. Es sei eben etwas völlig anderes, ob jemand in Stockelsdorf, Eutin, Neustadt oder Oldenburg lebe oder auf dem platten Land, wie es ein Teilnehmer formulierte.


Kostenlose Kitaplätze, kostenloses Essen in Schulen und kostenlose Fördermöglichkeiten seien sinnvolle Schritte, um Bürokratie abzubauen und gezielt zu helfen, so eines der Ergebnisse aus den Arbeitsgruppen. Auf diese Weise würden viele Mahnverfahren für noch nicht gezahlte Kita-Beiträge entfallen und kleinere Anbieter könnten verlässlicher die Gehälter für die Erzieherinnen zahlen. Unter Fachleuten gebe es eine breite Unterstützung für die von der Diakonie Deutschland und der Nationalen Armutskonferenz erhobene Forderung für eine sichere soziale Infrastruktur für in Armut lebende Familien, so Pastor Michael Hanfstängl, beim Kirchenkreis zuständig für das Thema Gerechtigkeit. Weiter heißt es: „Bisher verbietet das Kooperationsverbot Zuweisungen des Bundes an Kommunen zur Verbesserung sozialer Angebote. Das Kooperationsverbot muss aufgegeben und ein nationales Strukturprogramm mit sozialen Angeboten für von Armut betroffene Kinder und Familien aufgesetzt werden. Mit diesem sollen gezielt Kommunen und Regionen mit einer hohen Armutsquote gefördert werden.“


Am Ende gab es viele Stimmen, die sich für Folgetreffen im drei oder vier Monatsabstand aussprachen. „Ich wünsche mir, dass auch nach außen das Bewusstsein geschaffen wird, dass es Kinderarmut gibt, so schwierig die Definition dabei ist“, bilanzierte der Vorsitzende des Kreissozialausschusses, Manfred Jaeger. Und Synodenpräses Peter Wendt hielt fest: „Wenn wir in dieser Struktur weiterarbeiten, dann haben wir einen Baustein für die Gestaltung eines gemeinsamen Weges mit dem Ziel, Kinderarmut zu beseitigen.“
Weitere Informationen zum Konzept der Kindergrundsicherung unter
www.kinderarmut-hat-folgen.de und zur Nationalen Armutskonferenz unter
www.nationale-armutskonferenz.de