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Männer- und Familienarbeit

Ausschau halten

16.11.2020 | 
„Im traurigen Monat November war’s,
die Tage wurden trüber,
der Wind riss von den Bäumen das Laub,
da reist‘ ich nach Deutschland hinüber“.

Rosengarten und Eutiner See im Winter
Rosengarten und Eutiner See im Winter

Diese Zeilen aus Heinrich Heines „Wintermärchen“ kamen mir diese Woche in den Kopf. Sie sind der Auftakt seines 1844 geschriebenen Gedichts, in dem er ein düsteres Bild der Lage in seinem Heimatland zeichnet. Der triste November ist da also ein Sinnbild für die Situation im Land.

Die Zeiten sind mittlerweile andere. Vieles von dem, was Heine kritisiert, hat sich inzwischen glücklicherweise zum Besseren gewandelt. Und doch kann ich mich in diesen Tagen wiederfinden in diesem Lebensgefühl, in dem der „traurige Monat November“ zu dem passt, was ich um mich herum erlebe: Die Corona-Infektionszahlen sind so hoch wie nie. Mein soziales Leben ist durch die Regeln zur Kontaktbegrenzung auf ein Minimum reduziert. Das muss so sein, das sehe ich ein. Aber leicht fällt es mir trotzdem nicht. Dazu kommt die Sorge um die Folgen der Pandemie für unser Land, unsere Kulturschaffenden, die kleinen Läden, die Solo-Selbständigen, die Situation in den Pflegeheimen und Krankenhäusern... Und dann sind da noch die Nachrichten: In Dresden demonstrieren ausgerechnet am 9. November die Rechtsextremen von Pegida und aus Amerika schwappen Berichte über die Nachwehen der US-Wahl herüber, die ein zum Teil desolates Bild der dortigen Demokratie zeichnen.

Damals warf Heine den Kirchen vor, zu den Missständen seiner Zeit nur das „Eiapopeia vom Himmel“ zu singen, die Menschen also mit Jenseitshoffnungen zu vertrösten und so Veränderungen zu blockieren. In diese Falle möchte ich nicht tappen. Aber um standhalten zu können, hilft es mir, mich auszustrecken nach den alten Verheißungen der Bibel, wie ich sie etwa bei Jesaja (35,6f) finde: „Dann wird der Lahme springen wie ein Hirsch, und die Zunge des Stummen wird frohlocken. Denn es werden Wasser aus der Wüste hervorbrechen und Ströme im dürren Land. Und wo es dürre war, sollen Brunnen sein.“ Das ist keine Jenseitsvertröstung sondern die Erinnerung an die ganz diesseitige Erfahrung, dass es auch nach Zeiten langer Trockenheit irgendwann Regen gibt, dass sich nach schier endlos erscheinenden 4 Jahren Trump doch die Hoffnung auf einen demokratischen Neuanfang abzeichnet, dass den Neofaschisten in unserem Land Menschen gegenüberstehen, die ihnen widersprechen, und dass auch auf den Coronawinter irgendwann ein Frühling folgt. Denn schließlich ist ja auch der November unter den zwölf Monaten zum Glück nur einer…


Frank Karpa, Pastor für Männer- und Familienarbeit im Kirchenkreis Ostholstein