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Gottesdienst zu "Gerechtigkeit und Flucht"

"In den Menschen, die Hilfe brauchen, begegnet uns Jesus selbst"

14.03.2016 | Flüchtlinge und Einheimische haben am Sonntag in mehreren Kirchen in Ostholstein gemeinsam Gottesdienst gefeiert. In Sereetz kam eine syrische Familie zu Wort. Die Pastoren Sönke Stein und Frank Karpa erinnerten an den christlichen Auftrag, Menschen in Not zu helfen und sich für Gerechtigkeit einzusetzen.

Sereetz. Unter dem Motto "Gerechtigkeit und Flucht" haben am Sonntag viele Kirchengemeinden der Nordkirche zu besonderen Gottesdiensten eingeladen. Im Kirchenkreis Ostholstein kamen in Stockelsdorf, Sereetz, Gnissau und Scharbeutz Flüchtlinge und Einheimische zusammen, um Fürbitte zu halten, Dank und Klage auszusprechen und das gegenseitige Verständnis zu fördern.

Impulse für das kirchliche Engagement vor Ort

Die Nordkirche hatte ihre Gemeinden dazu aufgerufen, den diesjährigen Sonntag "Judika" zu diesem Thema zu gestalten und Bibeltexte über Migration, Flucht, Fremdsein und Heimat neu zu entdecken, um daraus Impulse und Ermutigung für das kirchliche Engagement vor Ort abzuleiten. In Sereetz hatten Pastor Sönke Stein und Frank Karpa, Pastor für Männer- und Familienarbeit im Kirchenkreis, den Gottesdienst in der Kirche "Schifflein Christi" vorbereitet. Auch der neue Flüchtlingsbeauftragte des Kirchenkreises, Volker Holtermann, nahm an dem sehr gut besuchten Gottesdienst zum Thema "Gerechtigkeit und Flucht" teil.

"Wir wollten den Gottesdienst nicht gerne ohne die Betroffenen feiern", sagte Frank Karpa. "Deshalb freuen wir uns, dass heute Flüchtlinge unter uns sind und dass zwei von ihnen die Situation aus ihrer Sicht schildern. Abdulla Mehmud übersetzt das Gesagte ins Arabische. Ohne ihn wäre die Flüchtlingsarbeit hier in der Region gar nicht möglich, denn er sorgt für die Verständigung."

Zerbrochene Stufen auf der "Treppe der Gerechtigkeit"

Neben biblischen Texten, die in Bezug zur Gegenwart gesetzt wurden, zog sich auch die Betrachtung eines Bilds thematisch durch den Gottesdienst. Es zeigt eine Treppe, die nicht mehr begehbar ist, weil deren untere Stufen zerbrochen sind. Sie führt hoch zu einer verschlossenen Tür, auf der "Willkommen" steht. "Das Bild wirkt kalt und abweisend, nicht zugänglich", sagte Pastor Sönke Stein. "Es bildet unser Thema auf treffende Weise ab."

Frank Karpa erinnerte an die Entwicklung seit September in Deutschland: "Anfangs waren die Stufen noch heil und die Tür stand weit offen - wo Menschen dem Willkommen ein Gesicht geben, braucht man keine Schilder aufzuhängen." Doch die "besondere Stimmung im Land" sei gekippt, die ersten Stufen hätten nach und nach begonnen, abzubrechen - durch Grenzzäune, Proteste gegen Flüchtlinge, die Forderung nach einer Obergrenze, die Verschärfung des Asylrechts und die öffentliche Rhetorik, die etwa von einer "Flüchtlingslawine" sprach und damit die Angst schüre. Weitere Stufen seien den Übergriffen in Köln und Hamburg und der Befürchtung, dass das Miteinander der Kulturen scheitern könnte, zum Opfer gefallen.

"Die Menschlichkeit in Deutschland ist sehr stark, aber Gerechtigkeit gibt es nicht"

Stellvertretend für die Flüchtlinge schilderten Bassel Alhussein und Jihan Alhamadi, wie sie die Situation erleben. Das Ehepaar aus Syrien ist seit knapp einem halben Jahr mit seinen Kindern in Deutschland. Abdulla Mehmud übersetzte ins Deutsche. "Wir bedanken uns bei Frau Merkel, dass sie die Türen für Flüchtlinge geöffnet hat. Die Menschlichkeit in Deutschland ist sehr stark", sagte Bassel Alhussein, der sich für die Unterstützung der Menschen vor Ort bedankte.

Doch trotz des großen Engagements der Helfer sähen sich viele Flüchtlinge mit Ängsten und Vorurteilen konfrontiert, beklagten die beiden Syrer. Gerechtigkeit existiere nicht. Bassel Alhussein und seine Frau wussten von Fällen zu berichten, in denen Flüchtlinge in äußerst beengten Verhältnissen zusammenwohnten oder scheinbarer Willkür der Behörden ausgesetzt seien: Der Eine habe etwa nach neun Tagen eine Aufenthaltsgenehmigung erhalten, während andere schon fast anderthalb Jahre auf ihre Anerkennung warten und so in Ungewissheit ausharren müssten.

Kirche beruft sich in Flüchtlingsfrage auf die Bibel

"Ich mache in meiner Männergruppe immer Werbung, Geduld zu haben, dass nicht immer alles so schnell geht, wie wir uns das wünschen", sagte Frank Karpa, schränkte jedoch selbst ein: "Wie lange kann man jemandem zumuten zu warten, wenn davon die Teilnahme am Sprachkurs und die Möglichkeit, seine Familie in Sicherheit zu bringen, abhängt?" Die Kirche berufe sich in der Flüchtlingsfrage auf die biblischen Texte zu dem Thema: "Diese Texte machen klar, in den Menschen, die Hilfe brauchen, begegnet uns kein Geringerer als Jesus selbst. Wie wir mit ihnen umgehen, ist somit eine Frage der Glaubwürdigkeit unseres Glaubens." Jeder Mensch verdiene Respekt und Mitmenschlichkeit und die Prüfung seines Falls. "Was ihr einem meiner geringsten Brüder und Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan (Matthäus 25,40) - dieser Satz ist nicht verhandelbar und für diesen Satz gibt es keine Obergrenze."

"Ich wünsche mir, dass wir als Kirche dazu beitragen können, dass die Stufen nicht abgebrochen bleiben", sagt Pastor Sönke Stein und berief sich auf das 3. Buch Mose, wo geschrieben steht: "Er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch, und du sollst ihn lieben wie dich selbst (3. Mose 19,34).