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Buß- und Bettag

Schuld und Sühne – ein Leben lang - Online-Impuls zum Buß- und Bettag

15.11.2021 | Eutin. Der Über den Umgang mit individueller Schuld und Verantwortung geht es beim etwa 15-minütigen Online-Impuls, der am Buß- und Bettag (Mittwoch, 17. November) auf dem Youtube-Kanal des Kirchenkreises Ostholstein zu sehen sein wird.

Daniel Hettwich
Daniel Hettwich

Der Flüchtlingsbeauftragte Daniel Hettwich berichtet darin sehr persönlich von einem Erlebnis, bei dem er als Beteiligter eines Verkehrsunfalls den Tod einer Frau verschuldete. Er entschied sich damals dafür, eine Haftstrafe anzutreten und wählte einen Weg der strafrechtlichen Buße, dem er hätte entgehen können.

Für Daniel Hettwich (57) ist eines ganz klar: Bei der Geschichte, die er zu erzählen hat, geht es zuerst um die Opfer, vor allem um die Tote. Jene Frau, deren Blick er nie vergessen wird, als sie voller Entsetzen aus dem Rückfenster des Trabant zu ihm sah, kurz bevor es zum Aufprall mit den tödlichen Folgen kam. Ein Verkehrsunfall, den Hettwich hätte vermeiden können, wenn er zuvor auf seine inneren Alarmstimmen gehört hätte. Es fällt ihm nicht leicht, von dem Unglück zu erzählen. Hettwich geht offen mit seiner Schuld um, doch vor der Kamera die richtigen Worte zu finden, das ist eine echte Herausforderung. 

Rückblende: 1987 – er ist damals gerade 23 Jahre alt – lebt Daniel Hettwich in West-Berlin. Seine Ausbildung als Pharmakant hat er gerade hinter sich gebracht. Eine Kollegin bittet ihn um Hilfe beim Umzug ihres Vaters von Celle nach Berlin. Hettwich sagt zu, ebenso sein Bruder, der jedoch keinen Führerschein besitzt. Morgens brechen die beiden auf nach Celle, laden alles aus der 3-Zimmer-Wohnung in den 7,5-Tonner und fahren auf der Transitstrecke zurück Richtung Berlin: Fast 300 Kilometer Hinweg, dann die Umzugsarbeiten und wieder 300 Kilometer zurück. Er habe „in großer Selbstüberschätzung gedacht: das schaffst du schon“, so Hettwich. Zumal die DDR eine Richtzeit von drei Stunden Fahrt für die Strecke vorsieht. Wer länger braucht, muss mit unangenehmen Fragen und Durchsuchungen rechnen. 

Der junge Fahrer kämpft auf dem Rückweg immer mehr gegen seine Müdigkeit an. „Aber eine Pause wollte ich nicht machen.“ Und das wird zu einem tödlichen Verhängnis.

Kurz vor Berlin schreckt Hettwich plötzlich auf. Er sieht in das Gesicht einer älteren Frau, die auf der Rückbank eines mit vier Personen voll besetzten Trabbis entsetzt in sein Gesicht blickt. Und dann knallt es schon. Hettwich ist aus einem Sekundenschlaf hochgefahren und der Lkw prallt ungebremst in den Trabant, der sich gerade von der Beschleunigungsspur eines Parkplatzes wieder in den Verkehr einfädeln will.

Die Insassen des Trabant, der völlig zertrümmert und auf dem Dach liegend zum Stehen kommt, sind schwer verletzt. Die Frau, die Daniel Hettwich kurz zuvor ins Gesicht geblickt hat, ist tot, ein weiterer Insasse schwebt in Lebensgefahr.

Polizisten der DDR nehmen Hettwich noch an der Unfallstelle fest. Ihr Umgang mit ihm in den kommenden 48 Stunden ist nicht zimperlich, die anschließende Untersuchungshaft dagegen fast schon erträglich. Dann kommt die Nachricht aus der Bundesrepublik, dass für den West-Berliner eine Kaution in Höhe von 100.000 Mark gestellt werde. Daniel Hettwich wird in den Westen entlassen, soll sich später aber in einem Prozess vor dem Kreisgericht Brandenburg seiner Verantwortung stellen.

Was sich nach Rechtsstaat anhört, bedeutet damals: Bundesrepublik und DDR sehen die Kaution letztlich als Freikauf an. Für Hettwich, der mit seiner damaligen Partnerin gerade Hochzeitspläne schmiedet, kommt das nicht in Frage. „Für mich war das unmöglich, mein Leben einfach wieder so weiter zu leben.“ In dieser Zeit sind es Gebete, die dem jungen Mann helfen, mit seiner Schuld umzugehen. Er entschließt sich, sich dem Gerichtsverfahren und den daraus resultierenden Konsequenzen zu stellen. Und Hettwich bittet zu Gott, ihn diese Prüfung bestehen zu lassen. „Im Gegenzug versprach ich ihm, ein anständiger Mensch für den Rest meines Lebens zu sein.“ 

Hettwich wird verurteilt und verbringt seine Haft in der berüchtigten Strafvollzuganstalt Rummelsburg. „Was ich aber weiß“, so erzählt er vor der Kamera, „ist, dass während der gesamten Haftzeit Gott mich nicht verlassen hat. Ich fühlte mich von ihm in Schutz genommen. Mein Versprechen, das ich Gott vor 32 Jahren gegeben habe, an dieses Versprechen fühle ich mich auch heute noch gebunden.“

Kirche am frischen Wasser, am Mittwoch, 17. November auf Youtube bzw. über diesen Link.